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Johanniskraut: Wechselwirkungen, die kaum jemand kennt

Das freundliche gelbe Stimmungskraut hat eine überraschend folgenreiche Kehrseite – es macht andere Medikamente nicht stärker, sondern schwächer.

Blühendes Johanniskraut mit gelben Blüten neben Tabletten und einer Braunglasflasche

Johanniskraut gilt vielen als das pflanzliche Stimmungskraut schlechthin. In der Schweiz steht es frei erhältlich in Drogerie und Apotheke, und wer sich über Wochen niedergeschlagen fühlt, greift oft danach – gerade weil es so harmlos wirkt. Genau hier liegt der blinde Fleck: Ausgerechnet dieses unscheinbare gelbe Blümchen zählt zu den Heilpflanzen mit den folgenreichsten Wechselwirkungen überhaupt. Es macht andere Medikamente nicht stärker, sondern schwächer – und eine dieser Folgen betrifft ausgerechnet die Pille. Dieser Beitrag erklärt ruhig, warum das so ist, und zeigt in einer Ampel-Tabelle, welche Medikamente wirklich betroffen sind.

Warum Johanniskraut so beliebt ist – und wo die Tücke liegt

Der Reiz von Johanniskraut (Hypericum perforatum) liegt auf der Hand: Es ist rezeptfrei, pflanzlich und wird seit Generationen bei gedrückter Stimmung geschätzt. Traditionell verwendet man Extrakte aus dem blühenden Kraut, wenn die Tage grau erscheinen und der Antrieb nachlässt. Diese lange Anwendungsgeschichte schafft Vertrauen – und verführt zugleich zu einem Trugschluss, der sich hartnäckig hält: dass „pflanzlich“ automatisch „harmlos“ bedeute.

Das stimmt so nicht. Viele Pflanzen sind zwar gut verträglich – bei Themen wie Ingwer bei Verdauung geht es vor allem um die richtige Dosis und die eigene Bekömmlichkeit. Doch Johanniskraut ist ein Sonderfall. Es enthält einen Inhaltsstoff, der tief in den Stoffwechsel anderer Medikamente eingreift. Wie schon beim Thema Bärlauch: giftige Doppelgänger sicher erkennen zeigt sich hier: Pflanzenkunde verlangt Sorgfalt, gerade dort, wo alles vertraut und ungefährlich aussieht. „Pflanzlich“ heisst eben weder „wirkungslos“ noch automatisch „für jede Situation geeignet“.

Steckbrief

Pflanze: Johanniskraut (Hypericum perforatum), traditionell bei leicht gedrückter Stimmung verwendet.

Der kritische Stoff: Hyperforin – regt körpereigene Abbau-Enzyme an.

Folge: Betroffene Medikamente werden schneller abgebaut und wirken schwächer.

Besonders wichtig für: Frauen mit Pille, Menschen mit Blutverdünnern, Statinen oder Blutdruck-Medikamenten.

Der Mechanismus: Wie Hyperforin Medikamente ausbremst

Der Schlüssel steckt in einem einzigen Inhaltsstoff: Hyperforin. Vereinfacht gesagt betätigt er im Körper einen Hauptschalter – Fachleute nennen ihn Pregnan-X-Rezeptor. Wird dieser Schalter umgelegt, fährt der Körper sein Entgiftungssystem hoch. Im Zentrum steht dabei ein Enzym mit dem sperrigen Namen CYP3A4 sowie ein „Auswärts-Transporter“ namens P-Glykoprotein, der Stoffe wieder aus den Zellen befördert.

Warum das so viel ausmacht, zeigt eine einzige Zahl: Über CYP3A4 wird mehr als die Hälfte aller heute gebräuchlichen Arzneistoffe abgebaut. Läuft dieses Enzym auf Hochtouren, verschwinden betroffene Wirkstoffe schneller aus dem Blut, als sie sollten – ihr Spiegel sinkt, und damit auch ihre Wirkung. Der Effekt ist also kein plötzliches „Zuviel“, sondern ein schleichendes „Zuwenig“. Genau das macht ihn so tückisch: Man merkt einem Medikament von aussen nicht an, dass es plötzlich schlechter wirkt.

Wichtig ist dabei die Dosis des Auslösers. Untersuchungen zeigen, dass die Stärke der Enzymanregung mit dem Hyperforin-Gehalt des Präparats zusammenhängt: Je hyperforinreicher der Extrakt, desto ausgeprägter die Wechselwirkung. Hoch dosierte Kapseln und Tabletten sind damit heikler als sehr niedrig dosierte Zubereitungen. Von aussen lässt sich der Gehalt jedoch kaum abschätzen – ein Grund mehr, im Zweifel die Apotheke zu fragen.

Die eine Folge, die viele Frauen nicht kennen: die Pille

Hier wird die Sache konkret. Die Hormone in der Antibabypille – Östrogen und Gestagen – werden zu einem grossen Teil über genau jenes Enzymsystem abgebaut, das Johanniskraut anregt. Die Folge: Es kommt weniger Hormon im Blut an, und der Verhütungsschutz ist nicht mehr zuverlässig.

Das ist keine theoretische Sorge. In einer an der Frauenklinik Basel durchgeführten kontrollierten Studie stieg der Anteil der Frauen mit Zwischenblutungen unter der Kombination aus niedrig dosierter Pille und Johanniskraut auf 77 bis 88 Prozent – gegenüber 35 Prozent ohne das Kraut. Zugleich sank der Blutspiegel des Gestagens deutlich. Eine weitere kontrollierte Untersuchung fand unter Johanniskraut nicht nur mehr Zwischenblutungen, sondern auch Hinweise auf Follikelreifung und wahrscheinliche Eisprünge – also genau das, was die Pille eigentlich unterdrücken soll. Über ungewollte Schwangerschaften unter dieser Kombination wurde berichtet.

Für den Alltag heisst das: Zwischenblutungen unter der Pille sind bei gleichzeitiger Johanniskraut-Einnahme ein Warnzeichen, kein Zufall. Wer beides kombinieren möchte oder muss, bespricht das mit Arzt oder Apotheke und zieht für diese Zeit eine zusätzliche, nicht-hormonelle Verhütung in Betracht. Das gilt sinngemäss auch für Verhütungsring und -pflaster, die auf denselben Hormonen beruhen.

> 50 %Anteil aller gebräuchlichen Arzneistoffe, die über das Enzym CYP3A4 abgebaut werden.
77–88 %Frauen mit Zwischenblutungen unter Pille + Johanniskraut – gegenüber 35 % ohne das Kraut.
1–2 WochenSo lange baut sich der Enzym-Effekt auf – und klingt nach dem Absetzen ähnlich langsam wieder ab.

Wechselwirkungen im Überblick: die Ampel

Die Pille ist der bekannteste, aber längst nicht der einzige Fall. Weil CYP3A4 und P-Glykoprotein an so vielen Medikamenten beteiligt sind, reicht die Liste von Blutverdünnern über Cholesterinsenker bis zu Mitteln nach einer Organtransplantation. Die folgende Ampel ordnet die wichtigsten Gruppen – von „rot“ (ärztliche Rücksprache zwingend) bis „grün“ (geringes Interaktionsrisiko).

Medikamenten-GruppeWas Johanniskraut auslösen kannAmpel
Hormonelle Verhütung (Pille, Ring, Pflaster)Hormone werden schneller abgebaut, Zwischenblutungen, Verhütungsschutz nicht mehr sicherRot
Blutverdünner (z. B. Marcoumar, Sintrom; auch neuere Gerinnungshemmer)Blutspiegel sinkt, die gerinnungshemmende Wirkung kann nachlassenRot
Immunsuppressiva nach Transplantation (Ciclosporin, Tacrolimus)Starker Wirkverlust; Abstossungsreaktionen sind dokumentiertRot
Bestimmte Antidepressiva (SSRI) und Migränemittel (Triptane)Anderer Mechanismus: zu viel Serotonin möglich – nicht ohne Rücksprache kombinierenRot
Statine (Cholesterinsenker wie Simvastatin, Atorvastatin)Cholesterinsenkende Wirkung kann nachlassenGelb
Blutdrucksenker vom Typ Kalziumantagonist (z. B. Amlodipin, Nifedipin, Verapamil)Blutspiegel kann sinken, der Blutdruck ist schlechter eingestelltGelb
Herzmittel DigoxinBlutspiegel sinkt (über den Transporter P-Glykoprotein)Gelb
Statin-Alternativen Pravastatin, FluvastatinWerden kaum über CYP3A4 abgebaut – geringes InteraktionsrisikoGrün

So liest sich die Ampel: Rot – nur nach ärztlicher oder pharmazeutischer Rücksprache kombinieren. Gelb – Vorsicht, die Wirkung kann sich verändern, Rücksprache empfohlen. Grün – geringes Interaktionsrisiko, dennoch ehrlich angeben, was man einnimmt. Die Übersicht ersetzt keine individuelle Beratung.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens laufen die meisten Wechselwirkungen über denselben Mechanismus: Johanniskraut beschleunigt den Abbau und schwächt so die Wirkung. Die Antidepressiva sind die Ausnahme – hier geht es nicht um schnelleren Abbau, sondern um eine zu starke Wirkung an einer gemeinsamen Stelle im Nervensystem. Zweitens ist nicht jedes Mittel einer Klasse gleich betroffen. Bei den Statinen etwa gilt Pravastatin als deutlich weniger anfällig als Simvastatin – ein gutes Beispiel dafür, dass sich Lösungen oft im Gespräch mit der Fachperson finden lassen.

Was das im Alltag bedeutet

Die gute Nachricht vorweg: Man muss Johanniskraut nicht verteufeln. Entscheidend ist, es nicht heimlich neben verschreibungspflichtigen Medikamenten laufen zu lassen. Drei Punkte helfen weiter.

Offen sprechen. Sagen Sie in Arztpraxis und Apotheke aktiv, dass Sie Johanniskraut nehmen oder nehmen möchten – auch dann, wenn es „nur“ ein pflanzliches Mittel aus der Drogerie ist. Nur so lässt sich prüfen, ob es mit Ihren übrigen Medikamenten zusammenpasst.

Nichts eigenmächtig ändern. Wer bereits eine feste Medikation hat, setzt weder das eine noch das andere auf eigene Faust ab oder an. Bei Blutverdünnern, Immunsuppressiva oder der Pille kann schon eine kleine Verschiebung Folgen haben.

Die Nachlaufzeit bedenken. Der Enzym-Effekt verschwindet nicht mit der letzten Tablette. Er baut sich über ein bis zwei Wochen auf und klingt ähnlich langsam wieder ab. Auch nach dem Absetzen kann die Wirkung anderer Medikamente also noch eine Weile verändert sein – ein weiterer Grund, Änderungen fachlich begleiten zu lassen. Einen geordneten Überblick über Heilpflanzen und ihre Anwendung bietet der Heilpflanzen-Ratgeber; die konkrete Abklärung Ihrer persönlichen Medikamentenliste gehört jedoch in fachkundige Hände.

Sicherheit zuerst. Johanniskraut wird traditionell bei leicht gedrückter Stimmung verwendet und ist kein Ersatz für ärztliche Abklärung oder Behandlung. Wer regelmässig Medikamente einnimmt – besonders die Pille, Blutverdünner, Statine, Blutdrucksenker oder Mittel nach einer Transplantation –, bespricht die Anwendung vorab mit Arzt oder Apotheke, weil klinisch bedeutsame Wechselwirkungen belegt sind. Auch in Schwangerschaft und Stillzeit gilt: vorher Rücksprache halten. Hält eine Niedergeschlagenheit über Wochen an oder kommen dunkle Gedanken hinzu, gehört die Ursache fachlich abgeklärt. In einem medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.

Häufige Fragen

Kann Johanniskraut die Wirkung der Pille beeinträchtigen?

Ja, das ist gut belegt. Johanniskraut kurbelt den Abbau der Hormone in der Pille an, sodass weniger Wirkstoff im Blut ankommt. In kontrollierten Studien traten deutlich mehr Zwischenblutungen auf, und der Verhütungsschutz gilt nicht mehr als sicher; über ungewollte Schwangerschaften wurde berichtet. Wer die Pille nimmt und Johanniskraut in Erwägung zieht, bespricht das vorher mit Arzt oder Apotheke und nutzt im Zweifel zusätzlich eine nicht-hormonelle Verhütung.

Wie lange wirken die Wechselwirkungen nach dem Absetzen nach?

Der Effekt verschwindet nicht sofort. Johanniskraut regt körpereigene Enzyme an, und dieser Anstoss baut sich über etwa ein bis zwei Wochen auf und klingt ähnlich langsam wieder ab. Auch nach dem Absetzen kann die Wirkung anderer Medikamente also noch eine Weile verändert sein. Änderungen an der Medikation nimmt man nur in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt vor.

Warum hat Johanniskraut mehr Wechselwirkungen als andere Kräuter?

Verantwortlich ist vor allem der Inhaltsstoff Hyperforin. Er aktiviert einen Steuerschalter im Körper, der das Enzym CYP3A4 und den Transporter P-Glykoprotein hochfährt. Über CYP3A4 wird mehr als die Hälfte aller Arzneistoffe abgebaut. Wird dieses Enzym angeregt, verschwinden betroffene Wirkstoffe schneller aus dem Blut – und wirken dadurch schwächer.

Sind alle Johanniskraut-Produkte gleich riskant?

Nein. Je mehr Hyperforin ein Präparat enthält, desto stärker fällt die Enzymanregung aus. Hoch dosierte Extrakte in Kapsel- oder Tablettenform haben das grösste Wechselwirkungspotenzial. Wie viel Hyperforin ein Produkt liefert, ist von aussen aber schwer einzuschätzen. Wer regelmässig Medikamente einnimmt, klärt jede Johanniskraut-Anwendung deshalb vorab in der Apotheke ab.

Ich nehme Blutverdünner oder Statine – ist Johanniskraut ein Problem?

Beide Gruppen können betroffen sein. Bei Blutverdünnern kann die gerinnungshemmende Wirkung nachlassen, bei Statinen die cholesterinsenkende. Das ist keine Sache zum Selbstausprobieren: Vor einer Kombination ist eine ärztliche oder pharmazeutische Rücksprache zwingend, damit die Einstellung nicht unbemerkt aus dem Ruder läuft.

Ersetzt Johanniskraut bei gedrückter Stimmung den Arztbesuch?

Nein. Johanniskraut wird traditionell bei leicht gedrückter Stimmung verwendet, ist aber kein Ersatz für eine ärztliche Abklärung. Hält eine Niedergeschlagenheit über Wochen an, kommen Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder dunkle Gedanken hinzu, gehört das fachlich beurteilt. Bei akuter Selbstgefährdung gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.

Quellen

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  8. Arzneimittel-Kompendium der Schweiz (HCI Solutions). Fachinformationen zu Johanniskraut-Präparaten – Hinweise zu Wechselwirkungen mit hormonellen Kontrazeptiva und Vitamin-K-Antagonisten (Marcoumar, Sintrom).